08.08.2026
Buchbesprechung von Hans E. Happel
Oliver Coordes, „BURN OUT – Am Deich“
„Jeder Tag kann ein neuer Anfang sein.“ Dieser Gedanke – ein Satz, den der Autor dem Rezensenten ins Buch schrieb – bildet die Grundlage des Berichts von Oliver Coordes. Die Alltagsweisheit erinnert an die Sinnsprüche aus Saint-Exupérys Der kleine Prinz, doch hier geht es nicht um einen Blick in die Sterne, sondern um die Tiefe. Es geht um die dunkle Seite einer Lebensform, die unsere westlichen Gesellschaften seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs prägt: die Wohlstands- und Wirtschaftswunder-Welt, deren problematische Seiten sich in Krankheiten niederschlagen, deren Warnsignale oft zu spät erkannt werden – kurz: Burn-out. So lautet auch der Titel des autobiografischen Berichts, ergänzt um den feinen Zusatz „Am Deich“.
Der Rezensent fragt sich beim Betrachten des Titelbildes, ob es ein Paradox sei: „da sitzt jemand – vermutlich der Autor – ganz gelassen auf einer Bank hinterm Deich in Bremerhaven“. In 51 Kapiteln auf 300 Seiten erzählt Coordes, wie alles anfing.
Coordes, Jahrgang 1967, arbeitete fast zwei Jahrzehnte im Einzelhandel, bevor er sich zum Krankenpfleger ausbilden ließ. Nach wenigen Jahren machten Depressionen und ein schweres Burn-out-Syndrom die weitere Arbeit unmöglich. Im ersten Kapitel beschreibt er eine Panikattacke, die ihn „schlagartig überfiel“, während er am Deich saß und stundenlang auf das stürmische Wasser blickte – ohne das Warnzeichen ernst zu nehmen.
Mit trockenem Küstenhumor und dem Anspruch, ein „harter Kerl“ zu sein, verdrängt er die Symptome. Alkohol und Boxsport sollen Stärke demonstrieren. Schließlich sucht er einen Psychotherapeuten auf. Dessen Frage: „Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal gelebt?“ trifft ihn tief. Die erste Sitzung wird zum Beginn eines „jahrelangen Therapiemarathons“.
Coordes lässt sein Leben Revue passieren: Ausbildung in den 80ern, Jugendvertretung, Führungskräfteseminar, ein Bistro auf dem Land, Arbeit bei der Post, in der Möbelbranche, schließlich ein Praktikum im Krankenhaus. Dort erkennt er Sinn in der Arbeit: „Ich wurde demütig und dankbar vor dem Leben, denn ich hatte viel mit dem Tod, auch dem von jungen Menschen zu tun.“ Er besteht die Prüfung zum Krankenpfleger – trotz großer Ängste.
Doch der Berufsalltag ist hart. Misstrauen im Team, hohe Belastung, erste Symptome. Er fällt in ein „Erschöpfungsloch“, ignoriert Warnsignale, fühlt sich schließlich „todkrank“. Panikattacken ereilen ihn im Urlaub. Er berichtet eindringlich von einer Nachtschicht mit einem sterbenden Patienten.
Das Buch überzeugt durch detaillierte Erzählungen, die zeigen, wie das Krankenhaus auch diejenigen krank machen kann, die darin arbeiten. Coordes seziert offen, was Überforderung, psychosomatische Anfälle, Versagensängste und Stress auslösen können – bis hin zum Burn-out.
Er beschreibt seine Reise durch Kliniken und psychiatrische Einrichtungen ohne Beschönigung. Die Leserinnen und Leser werden gewarnt, dass sie in eine „fremde und beinahe nicht reale Welt katapultiert“ werden. Für Menschen mit ähnlichen Symptomen kann dies eine erste Hilfe sein.
Coordes schreibt, er habe sich wie „eine tickende Zeitbombe“ gefühlt. Dank Freunden und seiner Lebensgefährtin lernt er, mit der „dunklen Seite“ in sich umzugehen, ohne andere zu gefährden.
Eine wichtige Erkenntnis des Berichts: Psychische Dispositionen spielen bei gesellschaftlichen Ereignissen oft eine größere Rolle, als öffentlich wahrgenommen wird.
„Burn-Out“ ist Warnung und Hoffnung zugleich. Freunde, Partnerinnen und eine neue Aufgabe retten ihn vor dem tiefen Fall. Für den Bremerhavener sind es auch die Ausflüge zum Deich, wo er bei „Wind, Wellen, Wasser und nervigen Möwen“ Ruhe und „Glücksmomente“ findet. Mit Adressen der Telefonseelsorge endet sein Bericht – mit dem Wunsch, „Mut machen, nicht aufgeben“ und dem Satz: „Jeder Tag kann ein neuer Anfang sein.“
Hans Happel
Oliver Coordes: BURN OUT am Deich – Eine Autobiografie – Klaus Kellner Verlag Bremen (304 Seiten, 2024)
11.05.2026

Hinterm Deich sieht die Welt ganz anders aus.
So auch das Leben vor oder nach einer depressiven Episode. Wie groß dieser Unterschied sein kann, sieht man meist erst, wenn man über den Höhepunkt – und in diesem Fall über den Tiefpunkt – gekommen ist. Immer mehr Menschen leiden unter den teilweise schwerwiegenden Symptomen einer psychischen Erkrankung, die nicht selten die Folge einer Überlastung ist.
Schicksalsschläge lassen sich selten vorplanen oder beeinflussen, so kann es quasi jeden unerwartet treffen. Viel zu groß ist leider oftmals noch die Barriere, sich dies selbst einzugestehen, und die Sorge der gesellschaftlichen Akzeptanz. Auch ist es nicht leicht, die ersten Anzeichen frühzeitig zu erkennen. Häufig wird im Stillen gelitten, während sich die Spirale weiter abwärts bewegt.
Aufklärung und Sensibilisierung sind daher besonders wichtig. Selbsthilfegruppen sind eine hilfreiche und effektive Ergänzung zu professioneller Therapie sowie zur Alltagsbegleitung. Vor diesem Hintergrund fand kürzlich der erste Themenabend in der Beverstedter Selbsthilfegruppe „Raus aus der Depression“ statt.
Zusammen mit Gast Oliver Coordes, Buchautor Burnout am Deich, wurden eindrucksvoll und lebensnah Situationen geschildert und diskutiert, die das eigene Reflektieren unterstützen sollen – mit dem Ziel, neue Perspektiven zu erkennen und manche Situation besser zu verstehen.
„Das Thema Depression betrifft nicht nur die Betroffenen selbst, sondern stellt auch große Herausforderungen an die Angehörigen“, berichtet Gruppenmitglied Birgit.
„Normalerweise stehen beide Seiten jeweils vor und hinter dem Deich. Unsere Selbsthilfegruppe Raus aus der Depression ist daher offen für Betroffene und Angehörige, um eine Brücke über den Deich zu bauen und gemeinsam hinter den Schutzwall zu blicken. Ein richtiges Verstehen kann einen fundamentalen Beitrag für ein besseres Miteinander leisten“, so Gruppenleiter Franz Rothmeier.
Vertreten an diesem Themenabend war auch Hans-Peter Hollander von der Selbsthilfekontaktstelle des Paritätischen Cuxhaven. Dabei konnten Fragen gestellt und beantwortet werden, und zugleich wurde das Projekt Themenabend mit Oliver Coordes auch anderen Selbsthilfegruppen der Region zugänglich gemacht.
Die Selbsthilfegruppe „Raus aus der Depression“ trifft sich in den Räumen der DRK Werkstatt Beverstedt. Ansprechpartner: Franz Telefon: 0151-44244451 E-Mail: youniversalfranz@gmail.com

Nordsee-Zeitung 15. April 2026 | 24. August 2024

